Individuelle Lernförderung - eine kleine Ableitung

1. Lernen ist ein aktiver Prozess. Zu sehen ist nur die äußere Seite, zu der fein- und grobmotorische Bewegungen, sprachliche Äußerungen, Blicke u.a. gehören. Innere, emotional-kognitive Teile der Lernhandlung sind die Motivations- und Bedürfnislage, Ziele, Entscheidungen, Pläne, Ausführungsschritte und -operationen, Selbstkontroll- und Bewertungsprozesse. 

 

2. Gelingendes, positives Lernhandeln zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind sich mit seinen grundlegenden Bedürfnissen und Motiven in Übereinstimmung befindet. Die Lerntätigkeit befriedigt Bedürfnisse nach emotionaler Einbindung, Kontakt und Sicherheit, Selbstwertsteigerung, neuen Eindrücken und Erlebnissen. Dieses Lernen ist mit Anstrengung verbunden und bringt Freude. Das Kind verfolgt ein Lernziel und wendet seine Fähigkeiten und Kenntnisse an, um das Ziel zu erreichen; es kontrolliert und bewertet die Ergebnisse und lernt in diesem Prozess.

 

3. Unvollständig oder degeneriert ist ein Lernhandeln, das die geforderten Dinge bloß nachvollzieht, ohne innere Beteiligung und echte Aufgabenübernahme. Die Vollzüge sind aufgenötigt, erzwungen, mehr oder weniger mechanisch. Zum degenerierten Lernhandeln kommt es, wenn das Kind bei Überforderung seine Kompetenzen nicht einbringen kann, einer permanenten Stresssituation ausgesetzt ist, dauernd Konkurrenz und soziale Konflikte erlebt und emotionale Kränkungen erwartet. All das ist bei häufigen Misserfolgen unvermeidbar. Das Handeln weicht in negativer Weise von den Gesetzmäßigkeiten einer entfalteten, persönlich sinnvollen, interessierten Beschäftigung mit den Lerngegenständen ab. Sobald dies nicht bloß episodisch vorkommt, ist eine bedrängende Lage entstanden, die die Entwicklung des Kindes ernsthaft gefährdet.

 

4. Prinzipiell ist ein gelingendes, positives Lernen auf jedem Niveau des Vorwissens möglich, auch falls das Kind bereits negative Lernerfahrungen angehäuft hat. Dann sind die Anforderungen an die pädagogisch-psychologische und didaktische Gestaltung allerdings sehr hoch. Je mehr das Kind bisher beim Lernen Angst und Stresssituationen erlebte, umso achtsamer, angemessener, planvoller und gleichzeitig flexibler muss die Lernförderung sein.

 

5. Individuelle Lernförderung zeichnet sich durch folgende methodisch-didaktische Qualitäten aus:
a. Sie ist darauf gerichtet, die Persönlichkeit des Kindes zu fördern. Sie beschränkt sich nicht auf das Training einzelne Handlungskomponenten bzw. defizitärer Lernvoraussetzungen, indem zum Beispiel bestimmte Operationen oder motorische Vollzüge und Operationen bloß nachvollzogen werden. Mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit widmen die Lernförderer der Bildung von Lernzielen, der Selbstkontrolle und Selbstbewertung usw.
b. Sie verfolgt konkrete individuelle Lehrziele, die gerade dieses Kind (in seiner Art zu lernen, bei seinen kognitiven Voraussetzungen) voranbringen, die sozusagen das Fundament bilden, auf dem weiter aufgebaut werden kann. Lehrziele der Lehrkraft und Lernziele des Kindes sind nicht deckungsgleich. Das Lernziel des Kindes kann dem Lehrziel entsprechen, ihm gleichsam entgegenkommen. Das Kind möchte zum Beispiel einen Text fehlerfrei lesen und den Inhalt verstehen. Das Lehrziel besteht in einem Schwerpunkt der Verbesserung der Lesekompetenz. Indem das Kind sein Lernziel verfolgt, kommt es dem Lehrziel näher.
c. Sie ist dialogisch und setzt eine tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung voraus. Das heißt, sie wird nicht einseitig durch die Vorhaben und Pläne des Lehrers festgelegt. Ihr Verlauf wird wesentlich dadurch mitbestimmt, dass der Lehrende die Mitteilungen des Kindes aufnimmt, sie richtig interpretiert und sich davon leiten lässt.
d. In Kreisläufen von Förderung und Lernbeobachtung werden die Lerninhalte, Aufgaben, Hilfestellungen, Anschauungs- und Arbeitsmittel, Entspannungsphasen an die Vorkenntnisse, das Sprachverstehen, die Konzentration und Aufmerksamkeit angepasst. Diagnose und Förderung erscheinen nicht getrennt. Primat hat die Förderung. Diagnostik bzw. Lernbeobachtung richten sich auf die Berücksichtigung des Lernstandes, der Bedürfnisse und Lerngewohnheiten des Kindes im Hinblick auf die Förderziele; Individuelle Lernförderung setzt die Kenntnis des Lernstandes, der Bedürfnisse und Lerngewohnheiten des Kindes und eine tragfähige Lehrer-Schüler-Beziehung voraus. abgebildet werden Lernfortschritte und deren Bedingungen, das heißt deren Abhängigkeit von Anforderungen und Fördermaßnahmen (Förderdiagnostik).
e. Individuelle Lernförderung schafft Lernsituationen, in denen das Kind an seinen Erfolg glauben und aktiv beitragen kann. Die Lernangebote, Anforderungen, Hilfestellungen und Bewertungen sind mit Erlebnissen und Interessen des Kindes verknüpft, beinhalten Kommunikation und Kooperation mit den Mitschülern und nehmen Rücksicht auf bestehende Vermeidungshaltungen und psychische Widerstände.
f. Im Spannungsfeld von kleinschrittigen und offenen Unterrichtsformen bzw. von Fremd- und Selbststeuerung führt die individuelle Lernförderung das Kind zu einem persönlich sinnvollen Lernhandeln (auf dem individuell erreichbaren Niveau), bei dem es motiviert ist, eigene Lernziele bildet, Lernaufgaben innerlich übernimmt, die Ausführung plant, aus den Fehlern zu lernt und mit anderen Kindern kooperiert. Die Tätigkeit des Kindes wird nicht kleinschrittig geführt, indem ständig neue kleine Aufgaben, Hilfestellungen und Impulse gegeben werden. Vielmehr wird angestrebt, dass das Kind seinen eigenen Handlungsbogen realisiert, von der motivationsgereichten Zielbildung über Planung, Handlungsausführung bis zur Bewertung zum Abschluss der Handlung. Dafür wird eine einfühlsame direkte und indirekte Hilfe gegeben. Die Leistungseinschätzung und Bewertung erfolgen im Hinblick auf die individuelle Entwicklung. Der individuelle Maßstab geht von den aktuell vorhandenen Kompetenzen aus und orientiert sich an den Lern- und Leistungsmöglichkeiten des Kindes.
g. Individuelle Lernförderung kann zwar partiell als Einzelförderung durchgeführt werden, die aber keine ausgrenzende Einzelarbeit darstellt, sondern die Teilnahme am Gruppengeschehen und den Beitrag zum Lernen der Gemeinschaft im Blick hat und nach Möglichkeit eine Kooperation und Kommunikation mit anderen Kindern beinhaltet.

 



6. Individuelle Lernförderung ist eine pädagogische Tätigkeit. Sie umfasst die Handlungen, die in ganz besonderem Maß darauf gerichtet sind, bestimmte einzelne Kinder voranzubringen. Im Rahmen dieser vielschichtigen komplexen Handlungen können wir unterscheiden:
a. einen Orientierungsteil,
b. einen Zielbildungs-, Entscheidungs- und Vorbereitungsteil,
c. einen Ausführungsteil (Durchführung der Förderung) und
d. einen Auswertungs- und Reflexionsteil.

(Diesen Handlungskomponenten folgt das „förderdiagnostische Prozessmodell“.)

 

Im dargestellten Sinn definiert Rechter: "Der Begriff 'individuelle Lernförderung' bezeichnet Fördermaßnahmen, die zur Unterstützung des individuellen Lern- und Entwicklungsfortschritts eines spezifischen Kindes dienen und die auf einer detaillierten Lernstandsdiagnostik und Förderplanung basieren" (Rechter, 2011, S. 23).

Literaturangabe:
Rechter, Y.(2011). Bedeutung individueller Lernförderung als Unterstützung schulischen Lernens. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.