Inklusionspädagogische Grundhaltung

Die Lehrerin begegnet dem Schüler offen und freundlich. Sie verhält sich echt und wahrhaftig und nimmt die vom Schüler ausgehenden nonverbalen und verbalen Signale wahr. Sie sieht diese Signale auf dem Hintergrund ihrer eigenen emotional-kognitiven Erfahrungen und es geht ihr darum, die Schüleräußerungen genau aufzunehmen, mitzuschwingen und wertungsfrei zu interpretieren. Dazu gehört Sensibilität für Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse. 

Die intuitive und reflexive Annäherung an die Innensichtperspektive des Schülers ist eine Voraussetzung dafür, dass ein individueller Förderbedarf erkannt und ein individuelles Förderkonzepts entwickelt werden kann. 

Die Lehrerin weiß: „Wer einem Kind dazu verhilft, mit seinem innersten Wesen in Kontakt zu kommen, schenkt ihm einen Kompass für das ganze Leben“ (1). Deshalb ist es ihr so wichtig,

   o  die Beziehung zu dem Schüler zu gestalten und zu schützen, 

   o  die Anforderungen so auszuarbeiten und zu präsentieren, dass der
       Schüler sie als persönlich sinnvoll und nicht als Bedrohung für sein
       Selbst empfindet,

    o die Einheit von Körper und Geist zu beachten (Bewegung, Spiel,
       Tanz, Musik, Freude),
   o  den Lernort und die Lernumgebung so arrangieren, dass sie das
       Wohlbefinden fördern.

Durch die gute Beziehung, auf dem emotionalen Weg, fühlt der Schüler sich verstanden. So erreicht die Lehrerin den Schüler mit seinen Fähigkeiten, Schwächen, Gefühlen, Bedürfnissen, Lebenserfahrungen und Zukunftsmöglichkeiten. Indem dieser sich wahrhaft angenommen fühlt (nicht geängstigt wird), kann sie ihn trösten, ermutigen, aktivieren, anspornen, im Lernen anregen, begleiten und unterstützen.

Tragfähige Beziehungen, auch zu unterstützenden Pädagogen, sind notwendig, damit das Kind lernen kann, sich selbst zu beruhigen, Gefühle zu regulieren, zu warten, Anstrengung einzusetzen usw. Je mehr ein Kind sieht, wie Personen, die ihm emotional nahe stehen, sich beruhigen und beruhigend wirken, mit negativen Stimmungen umgehen, Geduld zeigen, Anstrengungen hervorbringen usw., umso besser entwickelt das Kind entsprechende Verhaltensmöglichkeiten der Selbstregulation. Sonder- und Inklusionspädagogen trachten danach, Kindern, die bisher nur wenige derartige Erfahrungen sammeln konnten, ein solches Modell zu sein. 

(Gerald Matthes)

                (1) Julius Kuhl, siehe http://www.andreakuhl-stiftung.de/team/, Zugriff: 01. 02.2013