Theoretische Grundlagen der individuellen Lernförderung

Eine geschlossene Theorie des Lernens und Lehrens bei Lernstörungen ist noch nicht entwickelt worden. Ältere und vornehmlich behavioristische Theorien fassen Lernen primär als außengesteuerte Veränderung von Verhaltensweisen, als mehr passives
Aufnehmen von Wissen auf, während jüngere Theorien den Aspekt der eigenen Konstruktion des Wissens in den Mittelpunkt stellen.

 

Die Lern-Lehrtheorie der kulturhistorischen Schule, die oft als Tätigkeits- und Aneignungspsychologie bezeichnet wird, verbindet beide Aspekte und erwies sich als besonders tragfähig für die Förderung bei Lernstörungen. Sie beschreibt die Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt mit Hilfe der Kategorie der Tätigkeit.

 

Entwicklung vollzieht sich als Einheit von Interiorisation (Verinnerlichung des Äußeren, Sozialen) und Exteriorisation (aktive Äußerung des Individuellen) in der Tätigkeit (Leontjew, 1977), wobei die Sprache eine große Rolle spielt.

 

In den ersten Schuljahren wird die Lerntätigkeit zur dominierenden Tätigkeit, d.h. sie bestimmt wesentlich die Stellung der Lernenden zu ihrer sozialen Umwelt, den „Typus ihrer Lebensbeziehungen“ und ist die Tätigkeit, die die psychische Entwicklung in besonders intensiver Weise fördert (Leontjew, 1964; Talyzina, 2001, Lompscher 2006).

 

Lerntätigkeit ist eine spezielle, auf die Aneignung von Wissen und Können gerichtete Tätigkeit. Äußere Tätigkeitsprodukte sind nicht das eigentliche Ziel der Lerntätigkeit; sie haben eine vermittelnde Funktion im Hinblick auf die in der Persönlichkeit liegenden Effekte des Lernens (Entwicklung des Wissens und Könnens, der Werthaltungen u.a.m.).

 

Die Lernziele können nur erreicht werden, wenn der Schüler entsprechende Lernhandlungen ausführt, sich also aktiv mit dem Lerngegenstand auseinandersetzt (Lompscher, 2006; Lompscher, Hrsg., 1987). In diesem Prozess entstehen im lernenden Subjekt Zeichensysteme (Begriffe, Zeichen der natürlichen Sprache und der Fachsprache, Symbole usw.) und Lernstrategien, die  dann wieder als Mittel des Lernens eingesetzt werden.

Literaturangaben:

  • Leontjew, A.N. (1964). Probleme der Entwicklung des Psychischen. Berlin: Volk und Wissen.
  • Leontjew, A.N. (1977). Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit. Stuttgart: Klett.
  • Lompscher, J. (2006). Tätigkeit – Lerntätigkeit – Lehrstrategie. Die Theorie der Lerntätigkeit und ihre empirische Erforschung. Redaktionell bearbeitet und herausgegeben von H. Giest und G. Rückriem. International Cultural-historical Human Sciences, Band 19. Berlin: Lehmanns Media.
  • Lompscher, J. (Hrsg.) (1987). Persönlichkeitsentwicklung in der Lerntätigkeit. 2. Aufl., Berlin: Volk und Wissen.
  • Lompscher, J. (Hrsg.) (1989). Psychologische Analysen der Lerntätigkeit. Berlin: Volk und Wissen.
  • Talyzina, N.F. (2001). Die Tätigkeitstheorie des Lernens als Grundlage einer neuen Didaktik. In W. Jantzen (Hrsg.), Jeder Mensch kann lernen – Perspektiven einer kulturhistorischen (Behinderten-) Pädagogik. Neuwied: Luchterhand.