Welche Kinder benötigen individuelle Lernförderung?

Individuelle Lernförderung ist eine allgemeine Aufgabe der Schule. Der Unterricht dient der Lerntätigkeit. Bei manchen Kindern jedoch muss der Lernentwicklung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, weil konkrete Lernprozesse
und -bedingungen beeinträchtigt sind.

Das Konzept der individuellen Lernförderung dient der Förderung von Kindern mit curricularen Defiziten (Lernrückständen bzw. Lernschwierigkeiten in den Lernbereichen) und/oder einem problematischen Lernverhalten (z.B. Minderung der Motivation, Vermeidungsverhalten, Konzentrationsschwierigkeiten).



 

Sonderpädagogische Beschreibung:

In den 1990er Jahren wurde das frühere Konzept der Sonderschulbedürftigkeit bei Behinderungen durch das Konzept des sonderpädagogischen Förderbedarfs abgelöst (siehe Beschlüsse der KMK von 1994 und die Schulgesetze der Länder). Sonderpädagogischer Förderbedarf ist bei Kindern und Jugendlichen anzunehmen, wenn Kinder und Jugendliche im Unterricht der allgemeinen Schule ohne sonderpädagogische Unterstützung nicht hinreichend gefördert werden können. In den letzten 20 Jahren hat sich die Sonderpädagogik immer mehr der Prävention und dem gemeinsamen Unterricht zugewandt. So unterschieden wir im Modellversuch des Landes Brandenburg zur Gestaltung der flexiblen Schuleingangsphase drei Stufen des Förderbedarfs (Landesinstitut, 2003, Handbuch 6a):

Stufe 1 – Zusätzlicher Förderbedarf: Leichte Beeinträchtigung im schulischen Lernen, in der Sprache, im Verhalten, im Erleben o. ä. Maßnahmen: Schülerorientierte Förderung im Rahmen der Möglichkeiten der Regelschule

Stufe 2 – Erhöhter Förderbedarf: Erhebliche und anhaltende Beeinträchtigung im schulischen Lernen, im Verhalten, im Erleben o.ä. Maßnahmen: Schülerorientierte Förderung unter Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Regelschule, sonderpädagogische Beratung und zeitweilige sonderpädagogische Begleitung

Stufe 3 – Sonderpädagogischer Förderbedarf: Schwerwiegende, massive und in der Regel dauerhafte Beeinträchtigung im schulischen Lernen, in der Sprache, im
Verhalten, im Erleben o. ä. Maßnahmen: Kontinuierliche sonderpädagogische Förderung.

è Das Konzept der individuellen Lernförderung ist bei den Stufen 1 und 2 angezeigt. Bei Stufe 3 müssen spezielle sonderpädagogische Konzepte hinzutreten.



 

 

Lerntherapeutische Beschreibung:

Lerntherapie ist nach Betz & Breuninger bei Lernstörungen notwendig. Gemeint ist mit „Lernstörung“, dass ein Kind wesentlich unter seinen sonst gegebenen
Möglichkeiten bleibt, weil es Lernschwierigkeiten und Leistungsversagen erlebt und auf die Kränkung psychisch reagiert. Weil somit – über umgrenzte Lernschwierigkeiten hinausgehend – die inneren und äußeren Bedingungen der Lernentwicklung, das Erleben und Verhalten der beteiligten Personen, in das Störungsgeschehen einbezogen werden (systemisches und transaktionales Konzept) spricht Breuninger von strukturellen Lernstörungen: „Strukturelle Lernstörungen sind dadurch gekennzeichnet, dass wegen der Vernetzung der Wirkungsgrößen unsere gängigen Vorstellungen von Verursachung nicht mehr gelten (…). Vielmehr treten
Lawineneffekte ein, welche die einmal aufgetretene Störung aufrechterhalten und
dabei zunehmend verschlimmern, weil sie alle Einzelsymptome in Extremwerte zu
treiben vermögen“ (Betz & Breuninger, 1998, S. 4). Durch eine Lerntherapie
kann erreicht werden, dass der Lernende wieder an die Möglichkeit des Erfolgs
glaubt, die notwendigen Anstrengungen aufbringt und erneut Freude am Lernen
gewinnt. Strukturelle Lernstörungen können sich aus didaktischen Fehlern oder
Lernversäumnissen ergeben, aber auch aus defizitären Lernstörungen hervorgehen.
Sie sind das umfassendere Geschehen. „Strukturelle Lernstörungen – und weniger
die defizitären – sind es, aus denen persönliche Tragödien erwachsen“ (ebenda).
Betz & Breuninger (1998, S. 33 ff.) unterscheiden folgende Stadien der Entstehung von Lernstörungen:

Bereits im ersten Stadium struktureller Lernstörungen wirken sich die Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen auf die innere und äußere Lern- und Lebenssituation des Kindes aus. Das Kind bemerkt, dass die Mitschüler besser sind und mehr Freude am Lernen haben. Auch die Eltern stellen die Probleme fest und sind erstaunt, enttäuscht und verunsichert. Sie bemühen sich verstärkt, das Kind zum Lernen zu bewegen. Das Kind selbst glaubt, sich durch einen Defekt von anderen Kindern zu unterscheiden (Selbst-Stigmatisierung). Die Lehrerinnen reagieren mit zusätzlichen bzw. intensiveren Übungen und erwarten eine baldige positive Wirkung, die sich aber leider nicht einstellt. Das hat negative Folgen für die Zufriedenheit mit dem Lernen und das Selbstwertgefühl.

Für das zweite Stadium sind erste Reaktionen bei dem Kind charakteristisch. Das heißt: Das Versagen ist für das Kind Angst auslösend und unheimlich, solange es keine Erklärung dafür hat. Um dieses unangenehme Gefühl zurück zu drängen, wird es Erklärungen bilden, die sozial möglichst wenig diskreditierend sind. Das Kind kann sich entlasten, indem es sich sagt: „Ich will ja gar nicht lesen!“, „Das interessiert mich nicht!“ Belastend und diskreditierend wären dagegen Erklärungen wie: „Ich bin unfähig.“ oder „Ich bin dumm!“ Innerlich kann das Kind sich bei der Erklärung „Ich will nicht lesen!“ besser akzeptieren. Durch „Heldentaten“, wie Stören des Unterrichts, versuchen manche Kinder, die Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen. Neue Teufelskreise sind entstanden. Das Kind zeigt sich als nicht lernbereit. Durch Vermeidungsverhalten kann die – den Selbstwert schützende – Erklärung beibehalten werden.

Im dritten Stadium entstehen immer größere Defizite. Sie verunsichern das Kind weiter. Selbstvorwürfe bleiben nicht aus; das Kind spürt seine Lücken unmittelbar. Es muss sich mit ihnen auseinandersetzen, fühlt sich eingeschränkt, behindert und ausgeschlossen. Blockaden und Angst-Blockie­rungs-Kreisläufe bilden sich heraus. Die Auseinandersetzung damit nimmt einen großen Teil der kognitiven Kapazität in Anspruch. Diese fehlt dann für das Verstehen der Aufgabenstellung und die Verarbeitung der inhaltlichen Informationen und das Kind klammert sich an Fehllösungen und vermeidet immer stärker. Die Eltern reagieren mit Unverständnis. Die Rückstände werden sehr groß, was zu einer weiteren Verschlechterung des Selbstwertgefühls führt. Häufig stellen sich körperliche Symptome ein.

Im vierten Stadium zeigt das Kind eine generelle misserfolgsorientierte Motivationslage. Es nimmt Misserfolge vorweg und wehrt sich nach Kräften dagegen, in Situationen zu geraten, die mit einem Misserfolg enden könnten. Damit wird es auch resistent gegen Förder- und Therapieversuche: Erfolge werden auf Zufälle und nicht mehr auf eigenes Handeln zurückgeführt. Das Selbstkonzept wird negativ. Ein Notanker kann sein: „Ich kann mich nicht konzentrieren!“ Diese Konzentrationsschwäche wird dann für die eigene Person unter Beweis gestellt. Die Umwelt misstraut dem Kind; Repressionen nehmen zu. Aus diesem Kreislauf führt nur eine Veränderung des Selbstkonzeptes heraus, die auch mit einer Veränderung der Einstellung der Umwelt zu dem Kind verbunden sein sollte.

è Das Konzept der individuellen Lernförderung ist bei Kindern angezeigt, die sich im ersten oder zweiten Stadium einer Lernstörung befinden. Bereits im dritten, unbedingt aber im vierten Stadium müssen spezielle lerntherapeutische Konzepte hinzutreten.



Literatur:

 

Betz, D. & Breuninger, H. (1998). Teufelskreis Lernstörungen. 5. Aufl., Weinheim: Beltz. Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg (Hrsg.) (2003). FLEX-Handbuch. Die Ausgestaltung der flexiblen Schuleingangsphase im Land Brandenburg – pädagogische Standards, Leitfäden und Praxismaterialien. 9 Handbücher. Ludwigsfelde-Struveshof: Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg.