- Stadien von Lernstörungen

In dem Abschnitt "Wirkungsgefüge des Lernens" konnten Sie sich darüber informieren, wie die individuelle Lernstruktur des Kindes analysiert wurde. Auf diesem Wege entstand vielleicht eine zeichnerische Darstellung der individuellen Lernstruktur des Kindes.

 

Möglicherweise zeigte sich, dass bei dem Kind eine negative Lernstruktur vorliegt. In diesem Fall ist von einer Lernstörung zu sprechen. Bei Lernstörungen unterscheiden wir unterschiedliche Stadien, das heißt unterschiedliche Schweregrade. 

 

Wenn eine negative Lernstruktur (das heißt also eine Lernstörung) vorliegt, empfiehlt es sich zu untersuchen, in welchem Stadium sich die Lernstörung befindet. Eine entsprechende Hypothese kann mit Hilfe der folgenden Beschreibung (nach Betz & Breuninger) entwickelt werden:

Defizitäre und strukturelle Lernstörungen

Betz & Breuninger (1998, S. 3 ff.) trennen defizitäre von strukturellen Lernstörungen. Defizitäre Lernstörungen werden durch einen Ausfall notwendiger Grundfunktionen für das Lernen hervorgerufen. Für das Lesen- und Schreibenlernen ist unter anderem die Grundfunktion erforderlich, Phoneme unterscheiden zu können (z.B. den Unterschied der gesprochenen Wörter „wachen“ und „waschen“ zu hören). Buchstaben müssen sicher erkannt und unterschieden werden. Manche Defizite können relativ leicht behoben werden. Zum Beispiel lassen sich phonematische Schwierigkeiten durch ein intensives Training überwinden. Wenn Grundfunktionen generell ausfallen, wie beim blinden Kind, müssen die Ausfälle kompensiert werden, indem das Kind lernt, den Tastsinn zu nutzen. In der Brailleschrift werden Buchstaben und Zeichen durch bis zu sechs erhabene Punkte (in zwei Reihen zu je drei Punkten angeordnet) dargestellt und müssen ertastet werden. Defizitäre Lernstörungen erfordern ein Training oder eine Kompensation der defizitären Grundfunktionen.

Bei strukturellen Lernstörungen sind – über mögliche Defizite hinausgehend – das Erleben und Verhalten der beteiligten Personen betroffen. „Strukturelle Lernstörungen sind dadurch gekennzeichnet, dass wegen der Vernetzung der Wirkungsgrößen unsere gängigen Vorstellungen von Verursachung nicht mehr gelten (…). Vielmehr treten Lawineneffekte ein, welche die einmal aufgetretene Störung aufrechterhalten und dabei zunehmend verschlimmern, weil sie alle Einzelsymptome in Extremwerte zu treiben vermögen“ (Betz & Breuninger, 1998, S. 4). Durch eine Lerntherapie kann erreicht werden, dass der Lernende wieder an die Möglichkeit des Erfolgs glaubt, die notwendigen Anstrengungen aufbringt und erneut Freude am Lernen gewinnt. Strukturelle Lernstörungen können sich aus didaktischen Fehlern oder Lernversäumnissen ergeben, aber auch aus defizitären Lernstörungen hervorgehen. Sie sind das umfassendere Geschehen. „Strukturelle Lernstörungen – und weniger die defizitären – sind es, aus denen persönliche Tragödien erwachsen“ (ebenda).
Betz & Breuninger (1998, S. 33 ff.) unterscheiden folgende Stadien der Entstehung von Lernstörungen:

  • Bereits im ersten Stadium struktureller Lernstörungen wirken sich die Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen auf die innere und äußere Lern- und Lebenssituation des Kindes aus. Das Kind bemerkt, dass die Mitschüler besser sind und mehr Freude am Lernen haben. Auch die Eltern stellen die Probleme fest und sind erstaunt, enttäuscht und verunsichert. Sie bemühen sich verstärkt, das Kind zum Lernen zu bewegen. Das Kind selbst glaubt, sich durch einen Defekt von anderen Kindern zu unterscheiden (Selbst-Stigmatisierung). Die Lehrerinnen reagieren mit zusätzlichen bzw. intensiveren Übungen und erwarten eine baldige positive Wirkung, die sich aber leider nicht einstellt. Das hat negative Folgen für die Zufriedenheit mit dem Lernen und das Selbstwertgefühl.
  • Für das zweite Stadium sind erste Reaktionen bei dem Kind charakteristisch. Das heißt: Das Versagen ist für das Kind Angst auslösend und unheimlich, solange es keine Erklärung dafür hat. Um dieses unangenehme Gefühl zurück zu drängen, wird es Erklärungen bilden, die sozial möglichst wenig diskreditierend sind. Das Kind kann sich entlasten, indem es sich sagt: „Ich will ja gar nicht lesen!“, „Das interessiert mich nicht!“ Belastend und diskreditierend wären dagegen Erklärungen wie: „Ich bin unfähig.“ oder „Ich bin dumm!“ Innerlich kann das Kind sich bei der Erklärung „Ich will nicht lesen!“ besser akzeptieren. Durch „Heldentaten“, wie Stören des Unterrichts, versuchen manche Kinder, die Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen. Neue Teufelskreise sind entstanden. Das Kind zeigt sich als nicht lernbereit. Durch Vermeidungsverhalten kann die – den Selbstwert schützende – Erklärung beibehalten werden.
  • Im dritten Stadium entstehen immer größere Defizite. Sie verunsichern das Kind weiter. Selbstvorwürfe bleiben nicht aus; das Kind spürt seine Lücken unmittelbar. Es muss sich mit ihnen auseinandersetzen, fühlt sich eingeschränkt, behindert und ausgeschlossen. Blockaden und Angst-Blockie­rungs-Kreisläufe bilden sich heraus. Die Auseinandersetzung damit nimmt einen großen Teil der kognitiven Kapazität in Anspruch. Diese fehlt dann für das Verstehen der Aufgabenstellung und die Verarbeitung der inhaltlichen Informationen und das Kind klammert sich an Fehllösungen und vermeidet immer stärker. Die Eltern reagieren mit Unverständnis. Die Rückstände werden sehr groß, was zu einer weiteren Verschlechterung des Selbstwertgefühls führt. Häufig stellen sich körperliche Symptome ein.
  • Im vierten Stadium zeigt das Kind eine generelle misserfolgsorientierte Motivationslage. Es nimmt Misserfolge vorweg und wehrt sich nach Kräften dagegen, in Situationen zu geraten, die mit einem Misserfolg enden könnten. Damit wird es auch resistent gegen Förder- und Therapieversuche: Erfolge werden auf Zufälle und nicht mehr auf eigenes Handeln zurückgeführt. Das Selbstkonzept wird negativ. Ein Notanker kann sein: „Ich kann mich nicht konzentrieren!“ Diese Konzentrationsschwäche wird dann für die eigene Person unter Beweis gestellt. Die Umwelt misstraut dem Kind; Repressionen nehmen zu. Aus diesem Kreislauf führt nur eine Veränderung des Selbstkonzeptes heraus, die auch mit einer Veränderung der Einstellung der Umwelt zu dem Kind verbunden sein sollte.