- Wirkungsgefüge des Lernens

In dem Buch "Teufelskreis Lernstörungen", das bereits in vielen Auflagen erschienen ist, stellen Dieter Betz & Helga Breuninger eine Methode zur Analyse des Wirkungsgefüges des Lernens (das heißt der Lernstruktur) vor.

Betz, D. & Breuninger, H. (1998). Teufelskreis Lernstörungen. 5. Aufl., Weinheim: Beltz.

Über die bewährte Herangehensweise können Sie sich mit Hilfe des folgenden Textes und der Abbildungen informieren.

Positive und negative Lernstruktur

Wie das Kind lernt, hängt einerseits vom Lehrer, der Lernumgebung, der Aufgabenstellung usw. ab und wird andererseits durch seine Motive und das Vorwissen, sein Befinden, bestimmte Lern- und Denkstrategien und soziale Beziehungen geprägt. Analyse der Lernstruktur heißt gleichsam Draufsicht auf das Zusammenwirken von Kognitivem, Motivationalem, Sozialem, Pädagogischem. Betz & Breuninger (1998) unterscheiden eine positive und eine negative Lernstruktur. Das sind Pole, zwischen denen es viele Abstufungen und Varianten gibt.

In den Wirkzusammenhängen spielen – von Fall zu Fall unterschiedlich – viele Faktoren eine Rolle. Das mögliche Spektrum umfasst unterschiedliche Ebenen und Bereiche: einen nicht ausreichend individuellen Zuschnitt des Unterrichts, die ungenügende Berücksichtigung individueller Besonderheiten (z.B. seine leichte Ermüdbarkeit, seine geringen Fähigkeiten, Ablenkungen abzuschirmen, sein geringes Selbstvertrauen), familiäre Bedingungen (z.B. Pendelerziehung, Geschwisterkonflikte, Sorglosigkeit, übersteigerter Ehrgeiz, Fernsehgewohnheiten), Lücken im Vorwissen, Schwierigkeiten in basalen Lernvoraussetzungen der Sprache, der Denktätigkeit, Motivationsschwierigkeiten infolge von Misserfolgen, Besonderheiten der Lerngewohnheiten und Lernstrategien u.a.m.

Abbildung: Wirkungsgefüge des Lernens (nach Betz & Breuninger)

Der pädagogische Kreislauf umfasst die Wechselwirkung von Methoden der Förderung und sichtbarem Lernerfolg. Sind die Fördermethoden auf das Kind zugeschnitten, stellt sich Erfolg ein, die Eltern und Pädagogen fühlen sich bestätigt und führen ihre bewährten Methoden weiter. Im negativen Fall wird das Kind mit ungeeigneten Methoden nicht erreicht. Wenn Lehrer oder Eltern defizitorientiert bloß die Übungsmenge und ‑häufigkeit steigern, nicht aber ursachen- und stärkenorientiert, bildet sich ein negativer Kreislauf heraus.

 

Zum sozialen Kreislauf: Die sozialen Bedürfnisse nach Bindung und Anerkennung sind sehr tief verankert. Fühlt das Kind sich geborgen und aufgehoben, spürt es Zutrauen, so folgt daraus auch Selbstzutrauen, Interesse an der und Vertrauen in die Umwelt. Im negativen Fall spürt das Kind Enttäuschung, Misstrauen und Druck und es reagiert in der Regel mit Widerstand, aggressiv oder provokativ, oder mit Rückzug, ängstlich und gehemmt.

 

Zum innerpsychischen Kreislauf: Bei einem erfolgsorientierten Lernen traut sich das Kind angemessen schwierige Aufgaben zu, gibt sich Mühe, sie möglichst selbständig zu bewältigen und wird durch den Erfolg bestätigt und in seinem Selbstwertgefühl bestärkt. Ist das Kind in seinem Selbstzutrauen verunsichert, traut es sich nur wenig zu, sucht eher Hilfe. Es erlebt die eigenen Kräfte kaum; sein Selbstwertgefühl sinkt in den betroffenen Bereichen. Misserfolgserleben kränken, wenn sie als unvermeidbar erlebt werden. Misserfolgsfurcht und unzählige Spielarten des Vermeidungsverhaltens, Angst, Stress, Blockierungen und  mangelnde Lern- und Arbeitstechniken verhindern ein erfolgreiches Lernen.

 

Die Kreisläufe wirken nicht nur in sich, sie schaukeln sich gegenseitig auf, entweder in Richtung der positiven oder der negativen Lernstruktur:

In einer positiven Lernstruktur unterstützen und stärken sich alle Kreisläufe. Für das Kind passende Unterrichtsanforderungen führen zum Erfolg. Dieser ermutigt das lernende Kind, stärkt seine Anstrengungsbereitschaft. Eifrig setzt es sich mit den Aufgaben auseinander. Die Übungen festigen sein Wissen, die Lernstrategien und das Interesse. Die Eltern und die Lehrer freuen sich. Das wiederum wirkt positiv auf das Selbstwertgefühl des Kindes. Erfolgsorientiert wird es Kind immer besser. Macht es doch einmal Fehler, ist dies keine Katastrophe, es kann es damit umgehen; sie werden berichtigt; sie helfen, die Leistung noch zu verbessern.

Abbildung: Positive Lernstruktur

In einer negativen Lernstruktur behindern und schwächen sich die Kreisläufe. Treten im innerpsychischen Kreislauf Misserfolgsfurcht oder ungünstige Lerngewohnheiten auf, ist es schwer, das Kind richtig zu fördern. Unpassende Methoden führen nicht annähernd zum gewünschten Ergebnis und zu Irritation bei den Lehrern und Eltern. Wird der Druck auf das Kind erhöht, reagiert es mit Widerstand. Selbst gut gemeintes Verhalten von Lehrern, Eltern und Mitschülern kann entmutigend erlebt werden. Motivation und Selbstwertgefühl werden weiterhin verschlechtert. Das Kind beginnt, sich zu verschließen und innerlich von seinen Eltern und Lehrern  abzuwenden. Er fühlt sich überhaupt nicht mehr verstanden, Stress, Blockierung und Vermeidung treten auf. Die Beziehungen werden schlechter und angemessenes pädagogisches Eingreifen schwieriger. Es gibt nicht mehr eine bestimmte Ursache für die Lern- und Leistungsprobleme, die Ursache besteht in Wirkzusammenhängen.

Abbildung: Negative Lernstruktur

In Anlehnung an die Abbildungen oben wird für das Kind eine „individuelle Abbildung“ erarbeitet. Dabei tritt hervor, welche Probleme vordringlich gelöst werden müssen und welche Wirkgrößen in den Kreisläufen zu pädagogischen Schwerpunkten werden sollten.

 

Die Lerntherapeutin Kempf-Kurth schreibt dazu: „Ich habe das Modell …immer im Hinterkopf und auch als Blankoformular …auf dem Tisch zu liegen. So habe ich die Möglichkeit, meine eigene Vorgehensweise zu überprüfen: Für welche Kreisläufe des Wirkungsgefüges habe ich bereits Informationen gesammelt? Welche Fragerichtungen fehlen noch? …“ (Kempf-Kurth 2010, S. 20).

 

Aus den Erkenntnissen zu den einzelnen Kreisläufen wird deutlich, welche Bedingungen die Lernprozesse positiv oder auch negativ beeinflussen. Um herauszufinden, wie die positive Lernstruktur gestärkt werden kann, können nachfolgende Fragen erörtert werden:

 

  • An welchen Interessen und Vorlieben des Kindes kann angeknüpft werden?
  • Mit welchen Unterrichtsinhalten kann ich das Kind – auf der Grundlage seiner Erlebnisse und seines Wissens – besonders gut ansprechen?
  • Mit welchen Lerninhalten und Tätigkeiten kann das Selbstwertgefühl des Kindes unterstützt werden?
  • Wie kann erreicht werden, dass die Lernerfolge auf die eigenen Kräfte zurückführt werden?
  • Welche Lernhilfen sind passend?
  • Unter welchen Umständen lernt das Kind aufmerksam und konzentriert?
  • Welche Unterstützungspotentiale im Umfeld des Kindes können genutzt werden?