Anforderungen anpassen

Die Richtschnur der Förderung besteht im gelingenden, vollständigen Lernhandeln des Kindes, nicht im nachvollziehenden Aufarbeiten von „Defiziten“. Die Lehrer erkennen Über- und Unterforderungen und sie korrigieren Fehlanforderungen. Lernen ist möglich, wenn das Kind innerlich aktiv, möglichst sogar gefesselt ist. Die Abbildung stellt diesen Montessori‘schen Gedanken schematisch dar. Der Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsbereich, den wir auch als Bereich der gelingenden Lernhandlungen bezeichnen können und der auch das Lernen aus Fehlern beinhaltet, liegt zwischen den beiden parallelen Strichen. Bei Lernschwierigkeiten und Beeinträchtigungen ist dieser Bereich relativ eng und weist möglicherweise einen geringen Anstieg auf. Die kleinen Ovale zeigen hypothetisch gestellte Anforderungen, die teilweise innerhalb und teilweise außerhalb beschriebenen Bereichs liegen.

Liegen Anforderungen außerhalb des Bereichs der gelingenden Lernhandlungen, so ist die Lernzeit des Kindes verloren.

Festgestellt werden kann der Bereich durch die Beobachtung der Aufmerksamkeit des Kindes.

Durch die Anpassung der Anforderungen an die Möglichkeiten des Kindes wird der Anteil der aktiven Lernzeit erhöht. Die Lehrkräfte berichten einander, wo das Kind überfordert oder durch mechanische Übungen unterfordert war. Allmählich bilden die Teams eine „Strategie zur Anpassung der Anforderungen“ heraus: Die Anforderungen steigen nur soweit, dass die Schüler sie selbstständig (unter Nutzung gegebener Lernhilfen) bewältigen können.

Wichtige Prüffragen zur Anpassung der Anforderungen im Regelunterricht und Ausnutzung der Lernzeit:
- Wird auf den geeigneten Schwierigkeitsstufen gearbeitet?
- Wird an den individuell wichtigen Lerninhalten gearbeitet?
- Gibt es einen für das Kind sichtbaren Lernerfolg in jeder Lerneinheit?
- Hat das Kind Möglichkeiten, zur Gruppenarbeit beizutragen?
- Werden die individuell notwendigen Lernanreize gegeben?
- Gibt es förderliche und schützende Lehrer-Schüler-Beziehungen?

Siehe auch: Meyer, H. (2004): Was ist guter Unterricht? Berlin
http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulsystem/

Qualitaetssicherung/Qualitaetsanalyse/Die_Instrumente/Unterrichtsbeobachtungsbogen.pdf

Hinweis auf den Begriff der kompensatorischen Passung.

Ohne kompensatorische Passungen des Lernangebotes und der Lernbedingungen sind bei diesen Kindern weitere, sich aufschaukelnde Schwierigkeiten zu erwarten. Nach Kretschmann & Rose (2007) beinhaltet kompensatorische Passung, dass die Lehrerin (gegebenenfalls mit  sonderpädagogischer oder lerntherapeutischer Unterstützung)

  • das Niveau der Anforderungen an die Lernausgangslage des Kindes anpasst,
  • die Arbeitsmittel an die Sinnesschädigung des Kindes anpasst,
  • dem Kind ausreichende Lernzeit zugesteht,
  • die Inhalte an die Interessen und Erfahrungen des Kindes anpasst bzw.
  • Kinder, die unkonzentriert arbeiten, dazu anleitet, planvoll und systematisch zu operieren,
  • sensibel mit emotionalen und sozialen Problemen des Kindes umgeht (Kretschmann & Rose, 2007, S. 62).

Kretschmann, R. & Rose, M.-A. (2007). Was tun bei Motivationsproblemen? Förderung und Diagnose bei Störungen der Lernmotivation.3. Auflage. Horneburg: Persen.

Weiterführender Hinweis: Aus allgemeiner Sicht beschäftigt sich Wember mit Passungsmodellen (2007, S. 393 – 420, insbesondere S. 407 ff.).

Wember, F.B. (2007). Differenzierung des Unterrichts. In J. Walter & F.B. Wember (Hrsg.), Sonderpädagogik des Lernens. Handbuch Sonderpädagogik, Band 2 (S. 393-420). Göttingen: Hogrefe.